Wertegeschichte

Der sanfte Schneevogel

Eine warme Wintergeschichte ueber einen kleinen Vogel, der um Koerner bittet und dann einem Jungen und seinem alten Esel hilft.

Ein weiss-blauer Schneevogel fuehrt einen Jungen und einen alten Esel durch den Schnee zu einem warmen Haus

Weit weg im Schneeland trugen die Baeume weisse Maentel, und der Wind malte kleine Kreise auf den Weg. Hoch oben in einer Kiefer lebte ein sanfter Schneevogel mit seinen drei kleinen Kueken.

Die Kueken oeffneten im Nest die Schnaebel und piepsten:

🐦 Wir haben Hunger, Mama.

Der Schneevogel breitete seine weissen und blauen Fluegel aus.

🐦 Ich suche warme Koerner fuer euch. Bleibt im Nest und habt keine Angst.

Er flog ueber die Felder, aber ueberall lag Schnee. Die Samen waren unter der Erde versteckt, und die Kaelte bedeckte jeden Weg. Da sah er im Wind einen Jungen namens Ben, der einen alten Esel fuehrte. Auf dem Ruecken des Esels lag ein Sack Weizen.

Der Schneevogel setzte sich auf einen nahen Ast und fragte hoeflich:

🐦 Ben, kannst du mir drei Weizenkoerner geben? Meine Kueken sind hungrig, und der Sturm kommt.

Ben zog seinen roten Mantel enger um sich.

👦 Ich habe keine Zeit. Dieser Weizen ist fuer das Haus meiner Grossmutter. Such woanders.

Der Schneevogel antwortete nicht wuetend.

🐦 Ich verstehe, dass der Weizen deine Verantwortung ist. Aber drei kleine Koerner wuerden meinen Kueken helfen, ruhig zu schlafen.

Ben schuettelte den Kopf und ging weiter. Der alte Esel sah den Vogel mit freundlichen Augen an, bewegte sich aber nicht.

Ein kleiner weiss-blauer Schneevogel sitzt auf einem Ast neben einem Jungen im roten Mantel und einem alten Esel mit einem Weizensack auf einem verschneiten Weg

Das Vertrauen des Esels

Der Schneevogel flog naeher zum Esel.

🐦 Lieber Esel, koenntest du ein paar Koerner aus dem Sack fallen lassen?

Der Esel seufzte.

🫏 Ich wuerde dir gern helfen, kleiner Vogel, aber dieser Weizen wurde mir anvertraut. Ich kann nichts davon geben, wenn Ben es nicht erlaubt.

Der Schneevogel achtete seine Antwort. Er wusste, dass Ehrlichkeit wichtig ist und dass Helfen nicht bedeutet, etwas zu nehmen, das uns nicht gehoert.

🐦 Du hast recht. Ich werde Ben noch einmal fragen.

Er folgte dem Jungen von Baum zu Baum. Er schrie nicht und stoerte ihn nicht stark. Er erinnerte ihn nur freundlich:

🐦 Drei Koerner koennten meinen Kueken heute Abend helfen.

Aber Ben fror und hatte es eilig. Schnee wehte ihm ins Gesicht, und er wollte vor dem Sturm nach Hause.

👦 Bitte hoer auf, mir zu folgen. Ich muss nach Hause.

Duenne Eisdecke

Der Sturm wurde ploetzlich staerker. Der Weg verschwand unter dem Schnee, und Ben sah kaum, wohin er trat. Er kam zu einer grossen weissen Flaeche und dachte, es sei fester Boden. Doch der Schneevogel bemerkte ein blasses Glaenzen unter dem Schnee.

Es war ein zugefrorener See.

Er rief:

🐦 Ben, halt! Das Eis ist hier duenn. Geh bei den Baeumen entlang, nicht durch die weisse Mitte.

Ben hoerte ihn im Wind kaum und machte noch einen Schritt. Auch der Esel spuerte die Gefahr. Er stellte die Hufe fest in den Schnee und wollte nicht weiter.

Ben runzelte die Stirn.

👦 Warum bleibst du jetzt stehen? Komm weiter!

Der Schneevogel rief dem Esel zu:

🐦 Bleib zurueck, mein Freund. Das Eis kann euch beide nicht tragen.

Der Esel vertraute ihm und trat langsam zum Rand des Weges zurueck. Ben wollte den Sack allein heben, aber er war schwer. Sein Fuss rutschte auf dem Eis aus, der Rand brach, und er fiel nahe am Ufer ins kalte Wasser.

Der Schneevogel flog nicht davon. Er kreiste ueber ihm und rief:

🐦 Halt dich am Rand fest, Ben! Esel, bleib auf dem sicheren Schnee und zieh das Seil vom Sack!

Der Esel bewegte sich vorsichtig. Der Schneevogel zeigte ihm, wo der Boden sicher war. Ben griff nach dem Seil, und der Esel zog, bis der Junge wieder im Schnee lag, zitternd, aber sicher.

Der Schneevogel fuehrt den alten Esel vorsichtig an einem zugefrorenen See, waehrend der Esel dem Jungen hilft, vom kalten Wasser wegzukommen

Der Weg in die Waerme

Ben war nass, kalt und erschrocken. Jetzt sprach er nicht mehr hart mit dem Schneevogel. Er sah zu ihm auf und fluesterte:

👦 Ich wollte dich wegschicken, und trotzdem hast du mir geholfen.

Der Schneevogel antwortete:

🐦 Wer Gefahr sieht, soll andere warnen, auch wenn er beim ersten Mal nicht gehoert wurde.

Ben stieg auf den Ruecken des Esels, und der Schneevogel flog vor ihnen her. Von oben kannte er den Weg ins Dorf.

🐦 Rechts bei der grossen Kiefer. Dann folgt dem warmen Licht.

Bald erschien Grossmutters Haus. Sie oeffnete schnell die Tuer, als sie Ben zittern sah. Sie brachte ihn hinein, wickelte ihn in eine Decke und trocknete seine Kleidung am Feuer.

Dann wandte sie sich an den Schneevogel.

👵 Seine Augen haben mir die Geschichte erzaehlt, bevor seine Worte es konnten. Du bist ein guter und mutiger kleiner Vogel.

Grossmutter stellte eine kleine Schale Weizen ans Fenster.

👵 Nimm genug fuer deine Kueken und komm wieder, wenn die Kaelte stark ist. Die Freundlichkeit, um die du heute gebeten hast, hast du uns noch groesser zurueckgegeben.

Ben trat ans Fenster, beschaemt und dankbar.

👦 Es tut mir leid, Schneevogel. Ich habe nur an meine Last gedacht, nicht an deine hungrigen Kueken.

Er legte drei Koerner in die Schale und fuegte dann eine kleine Handvoll hinzu.

👦 Diese Handvoll ist von mir. Ich will mir merken: Ein wenig Freundlichkeit macht einen Sack nicht zu schwer, aber ein Herz waermer.

Der Schneevogel trug die Koerner zu seinem Nest. Seine Kueken assen und schliefen sicher unter seinen Fluegeln. Seit diesem Tag legte Ben jedes Mal, wenn er am Schneebaum vorbeikam, ein paar Koerner an die Wurzeln und sagte:

👦 Guten Morgen, kleiner Lehrer der Freundlichkeit.

Und der Schneevogel antwortete vom Ast:

🐦 Guten Morgen, Junge mit dem waermeren Herzen.

Was lernen wir?

  • Freundlichkeit braucht nicht immer eine grosse Gabe; manchmal reichen wenige Koerner.
  • Ehrlichkeit ist wichtig, und Helfen soll auf die richtige Weise geschehen.
  • Wer uns vor Gefahr warnt, will uns vielleicht schuetzen.
  • Zusammenarbeit zwischen Klein und Stark kann ein schwieriges Problem loesen.

Gespräch nach dem Lesen

  1. Warum sucht der Schneevogel nach Weizen?
  2. Warum gibt der Esel keinen Weizen ohne Erlaubnis?
  3. Woran erkennt der Schneevogel, dass der See gefaehrlich ist?
  4. Was lernt Ben, nachdem der Schneevogel ihm hilft?
  5. Welche kleine Sache koenntest du mit jemandem teilen, der sie braucht?
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