Mariam liebte ihren kleinen Schreibtisch am Fenster. Die Zeichenhefte standen ordentlich nebeneinander, die Buntstifte steckten in einer fröhlichen Dose und ihr weißer Radiergummi sah wie eine winzige Wolke aus. Jeden Abend räumte sie alles auf.
Doch seit Kurzem warteten morgens seltsame Überraschungen auf sie: eine angeknabberte Hefterecke, ein Loch in der Radiergummihülle und feine Krümel unter dem Regal.
Mariam holte ihre Mutter Huda.
Ich habe einen Nachtgast, der keine Schreibtischregeln kennt.
Huda entdeckte winzige Spuren, die zu einem Spalt unter dem Schrank führten.
Das könnte eine Maus sein. Fass sie nicht an und versuche nicht, sie allein zu fangen. Wir finden gemeinsam eine sichere Lösung.
Mariam wollte der Maus nicht wehtun. Ihre Schulhefte sollten aber auch nicht zum Frühstück werden.
Zwei Katzen, die niemals blinzeln
Mariam malte eine große orangefarbene Katze mit grünen Augen und prächtigen Schnurrhaaren. Sie stellte das Bild vor den Schreibtisch und einen kleinen Spiegel dahinter. Vom Boden aus sah eine Papierkatze plötzlich wie zwei aus.
Eine Wache aus Papier überzeugt vielleicht nicht, flüsterte Mariam. Aber zwei Katzen beschützen bestimmt meine Stifte.
In dieser Nacht schlich eine kleine graue Maus namens Mimo aus dem Spalt. Sie näherte sich dem Schreibtisch, erblickte die grünen Augen und erstarrte. Dann entdeckte sie die zweite Katze im Spiegel. Blitzschnell verschwand sie wieder.
Am nächsten Morgen war alles unversehrt. Auch am zweiten Morgen fehlte nichts.
Mein Plan funktioniert! freute sich Mariam.

Die Antwort mit dem roten Stift
In der dritten Nacht beobachtete Mimo die beiden Katzen ganz genau. Keine blinzelte. Sie raschelte mit einem Papierschnipsel, doch kein oranges Ohr zuckte. Schließlich entdeckte sie den Rand des Blattes und den Rahmen des Spiegels.
Am Morgen fand Mariam zusätzliche rote Ringelschnurrhaare auf ihrem Katzenbild. Daneben lag eine kleine Nachricht:
Zwei Nächte lang hast du mich getäuscht. Aber echte Katzen blinzeln.
Mariam wollte sich schon ärgern. Dann sah sie die albernen Schnurrhaare und musste lachen.
Du bist schlau, Mimo. Doch auch schlaue Gäste müssen um Erlaubnis fragen.
Am Abend legte sie eine Karte und einen kurzen, nicht mehr benötigten Stift vor den Spalt. Sie schrieb:
Ich tue dir nichts. Aber meine Hefte und Stifte sind weder Futter noch Nestmaterial. Lass uns reden.
Mariam und ihre Mutter warteten mit einigen Schritten Abstand. Erst erschien eine Nase, dann zwei runde Ohren. Schließlich kam Mimo heraus.
Ich bin wegen der Kekskrümel gekommen, erklärte sie. Papier ist weich und warm. Als deine Katzen mich erschreckten, wartete ich, bis ich den Trick verstanden hatte.
Und danach kam das alte Problem zurück, sagte Mariam. Erschrecken war also keine vollständige Lösung.
Der Grund hinter dem Problem
Huda brachte drei Kisten mit festen Deckeln. Mariam legte die Hefte in die erste, die Malsachen in die zweite und Lineale und Radiergummis in die dritte. Gemeinsam entfernten sie jeden Krümel. Ab sofort blieben Snacks weit weg vom Schreibtisch.
Auch der Spalt muss geschlossen werden, sagte Huda. Aber er ist Mimos Weg nach draußen. Sie bekommt eine Nacht Zeit, in den Garten zurückzukehren. Morgen verschließen wir ihn, damit sie nicht in der Wand eingeschlossen wird.
Mimo fragte:
Wo finde ich dann einen trockenen Platz?
Mariam zeigte auf den alten Feigenbaum am anderen Ende des Gartens.
Dort gibt es eine ruhige Ecke, weit weg vom Haus. Wir können ein kleines Holzhäuschen aufstellen, und du sammelst trockene Blätter. Bücher, Kleidung und Lebensmittel im Haus gehören aber den Menschen.
Mimo dachte nach.
Abgemacht, unter einer Bedingung: keine überraschenden Papierkatzen mehr an meinem Weg!
Abgemacht. Die orange Katze darf als Bild an der Wand bleiben.
Ein Zuhause unter dem Feigenbaum
Am nächsten Morgen zog Mimo in den Garten. Huda half Mariam, den Spalt sicher zu verschließen. Dann verwandelten sie eine alte Holzkiste in einen trockenen Unterschlupf unter dem Feigenbaum, weit entfernt von der Küchentür. Sie legten nur heruntergefallene Blätter hinein und ließen Mimo selbst hineingehen.
Die Maus trug ein Blatt nach dem anderen in ihr neues Zuhause. Mariam kennzeichnete währenddessen ihre Kisten mit bunten Formen: ein Kreis für die Hefte, ein Stern für die Stifte und ein Quadrat für die übrigen Dinge. Aufräumen wurde zu einem einfachen Zuordnungsspiel.

Einige Tage später lag Mariams kurzer roter Stift am Fenster. Mimo hatte ein schmales Blatt wie ein Geschenkband darumgebunden.
Ich bringe ihn zurück, bevor ich unsere Abmachung vergesse, rief sie aus dem Garten.
Mariam hielt das Bild der orangefarbenen Katze hoch.
Diese Katze hat das Problem zwei Tage lang aufgehalten. Immerhin hat sie uns zum Nachdenken gebracht.
Ein guter Plan fragt nicht nur: „Wie beende ich das?“ antwortete Mimo. Er fragt auch: „Warum geschieht es?“
Von da an blieben Mariams Sachen heil und Mimo wohnte in ihrer Ecke unter dem Feigenbaum. Sie teilten nicht alles miteinander. Jede hatte ihren eigenen Platz und klare Grenzen. Aber beide wussten nun: Freundlichkeit bedeutet nicht, dass ein Schaden weitergehen darf. Auch eine feste Grenze kann freundlich sein.
Was wir lernen können
- Ein Trick kann ein Problem kurz aufhalten, doch eine dauerhafte Lösung beginnt bei der Ursache.
- Ordnung und klare Grenzen schützen unsere Sachen, ohne anderen zu schaden.
- Wenn ein Tier ins Haus gelangt, holen Kinder einen Erwachsenen und versuchen nicht, es allein anzufassen oder einzufangen.
- Eine faire Abmachung erklärt die Bedürfnisse und Grenzen beider Seiten.
- Wer Geliehenes zurückgibt, hilft dabei, Vertrauen wiederherzustellen.
Gespräch nach dem Lesen
- Woran erkannte Mariam, dass ihr Nachtgast eine Maus war?
- Warum funktionierte der Trick mit den Papierkatzen zuerst und später nicht mehr?
- Was lockte Mimo zum Schreibtisch?
- Welche Veränderungen nahmen Mariam und Huda vor, um die Sachen zu schützen?
- Wieso war ihre Abmachung zugleich freundlich und bestimmt?
- Denke an ein kleines Problem: Was könnte seine Ursache sein und welche klare Grenze könnte helfen?