Nasreddin war in seinem Dorf fuer schnelle Antworten und ruhige Spasse bekannt. Im selben Dorf lebte ein reicher Haendler, der gern mit seinem Besitz prahlte, und ein Richter, der den Haendler etwas freundlicher anlaechelte als die Gerechtigkeit.
An einem sonnigen Morgen sagte der Haendler:
🧔 Wir gehen heute jagen, Nasreddin. Aber du besitzt nicht einmal einen Falken.
Der Richter lachte und sagte:
⚖️ Die Jagd ist nicht fuer jeden, Nasreddin.
Nasreddin blickte zu einer schwarzen Kraehe hinauf, die auf einem Baum sass.
👳 Gut. Diese Kraehe ist heute mein Falke.
Der Haendler und der Richter lachten so sehr, dass ihre Turbane fast verrutschten.
Die Kraehe und die Kuh
Die drei gingen auf die Felder. Der Haendler liess seinen Falken los, und er flog hoch in den Himmel. Nasreddin hob die Hand. Die Kraehe flog ein kleines Stueck und setzte sich dann auf den Ruecken einer dicken Kuh, die friedlich graste.
Nasreddin klatschte in die Haende und rief:
👳 Da ist meine Beute! Meine Kraehe hat eine ganze Kuh gefangen.
Der Haendler runzelte die Stirn.
🧔 Das ist meine Kuh, Nasreddin. Eine Kraehe kann keine Kuh jagen.
Nasreddin nickte.
👳 Das denke ich auch. Aber ich moechte hoeren, was der Richter sagt.
Der Richter raeusperte sich.
⚖️ Wir entscheiden morgen.

Der seltsame Krug
Am naechsten Morgen trug Nasreddin einen kleinen schoenen Krug. Die Oeffnung war mit einer duennen Schicht Honig bedeckt, doch innen war der Krug mit weicher Gartenerde gefuellt.
Er betrat den Raum des Richters und stellte den Krug auf den Tisch.
Die Augen des Richters leuchteten.
⚖️ Was ist das, Nasreddin?
Nasreddin antwortete:
👳 Ein kleines Geschenk, Herr Richter. Vielleicht hilft es diesem Raum, sich an Gerechtigkeit zu erinnern.
Der Richter betrachtete den Honig oben auf dem Krug. Noch bevor er dem Haendler richtig zugehoert hatte, sagte er:
⚖️ Offenbar ist diese Kraehe ein erstaunlicher Falke. Die Kuh gehoert Nasreddin.
Der Haendler rief:
🧔 Gestern sagten Sie noch, eine Kraehe koenne keine Kuh jagen!
Der Richter antwortete nicht. Er beruehrte den Honig, um ihn zu kosten, und fand darunter weiche Erde. Er hustete vor Ueberraschung, nicht vor Schmerz, und wurde rot.

Nasreddins Lehre
Der Richter sagte:
⚖️ Was fuer ein Geschenk ist das? Aussen sieht es nach Honig aus, aber innen ist nur Erde!
Nasreddin antwortete ruhig:
👳 Wie ein Urteil, das sich wegen eines Geschenks aendert. Von aussen kann es suess aussehen, aber innen ist es nur Staub.
Im Raum wurde es still. Der Richter verstand, dass Nasreddin die Kuh gar nicht wirklich wollte. Er wollte einen groesseren Fehler sichtbar machen.
Nasreddin wandte sich an den Haendler.
👳 Deine Kuh gehoert dir. Meine Kraehe hat nichts gefangen. Ich wollte nur daran erinnern, dass Gerechtigkeit nicht mit Falken fliegt und sich nicht in einem Geschenkkrug verstecken darf.
Der Richter senkte den Kopf.
⚖️ Du hast recht, Nasreddin. Ein gerechtes Urteil hoert zuerst zu und schaut erst danach auf Geschenke.
Seit diesem Tag wurde der Richter vorsichtiger, der Haendler verspottete andere weniger, und die Kraehe sass weiter in den Baeumen, als wuesste sie, dass sie die Heldin einer Geschichte geworden war.
Was wir lernen
- Ein Geschenk darf niemals veraendern, was richtig ist.
- Wer andere verspottet, uebersieht manchmal ihre Weisheit.
- Ein fairer Mensch hoert die ganze Geschichte, bevor er urteilt.
- Klugheit ist am besten, wenn sie einen Fehler zeigt und hilft, ihn zu verbessern.
Gespräch nach dem Lesen
- Warum sagt Nasreddin, die Kraehe habe die Kuh gefangen?
- Was zeigt der Krug mit Honig oben drauf?
- Warum gibt Nasreddin die Kuh ihrem Besitzer zurueck?
- Woran erkennt man den Unterschied zwischen einem freundlichen Geschenk und einem Geschenk, das die Wahrheit veraendern soll?