In einer klaren Nacht streifte Fawzi der Fuchs am Rand der Felder entlang. Den ganzen Nachmittag war er einem blauen Schmetterling gefolgt und hatte dabei das Abendessen zu Hause vergessen. Als der Mond aufging, meldete sich sein Bauch lautstark.
Fawzi legte eine Pfote darauf.
Ich habe dich gehört. Du musst keine lange Rede halten.
Bald erreichte er einen kleinen Bauernhof, aus dessen Küche es nach warmem Brot duftete. Hinter dem geschlossenen Fenster stand ein Teller mit ein paar Stücken Käse. Fawzi trat näher, da hörte er hinter sich eine ruhige Stimme.
Das Essen gehört jemandem, Fawzi. Wenn du Hunger hast, fragst du. Du schleichst dich nicht heran.
Noura, die grau-weiße Hofkatze, saß auf einer Holzkiste.
Fawzi drehte sich hastig um.
Ich wollte nichts nehmen. Ich habe nur... die Stücke gezählt.
Noura neigte den Kopf.
Zählen Füchse Käse mit der Nase?
Fawzi wusste, dass sie recht hatte. Doch er wollte nicht zugeben, dass er Hilfe brauchte.
Das ist unwichtig. Im Hof habe ich einen Käse gesehen, der größer ist als dieser ganze Teller. Mein Abendessen kann ich selbst holen.
Er führte Noura zum alten Steinbrunnen. Eine hohe Mauer, ein verriegeltes Holztürchen und eine feste Handkurbel schützten die Öffnung. Bauer Omar konnte den Eimer von außen hinablassen, ohne dass jemand an den Rand treten musste.
Fawzi zeigte auf das dunkle Wasser. Tief unten leuchtete eine runde, milchweiße Scheibe.
Sieh nur! Hast du jemals einen so riesigen Käse gesehen?
Noura betrachtete den Kreis, blickte zum Himmel und dann wieder hinunter.
Bevor wir uns entscheiden, sollten wir fragen: Warum sieht die Scheibe genauso aus wie der Mond? Warum wird sie dunkler, sobald eine Wolke vorbeizieht?
Fawzi schwenkte selbstbewusst den Schwanz.
Besonders guter Käse kann eben leuchten.

Der Test mit dem Eimer
Fawzi blieb sicher hinter der Mauer und drehte die Kurbel. Der Holzeimer sank hinab, bis ein leises Platschen zu hören war.
Gefangen! rief Fawzi.
Noura half ihm beim Hochkurbeln. Der Eimer war schwer, und Fawzi wurde immer aufgeregter. Als er oben ankam, enthielt er jedoch nur kaltes Wasser mit silbernen Wellen.
Fawzi starrte hinein.
Vielleicht ist der Käse geschmolzen.
Oder es war nie Käse. Warte, bis das Wasser still wird.
Die Wellen wurden kleiner. Kurz darauf erschien der Mond im Eimer. Fawzi hob ihn an, und der kleine Mond stieg mit ihm nach oben. Er neigte den Eimer, und das Bild zerbrach in zitternde Lichtstücke. Als er ihn still hielt, wurde der Kreis wieder ganz.
Jetzt habe ich einen Mond im Eimer und einen im Brunnen.
Noura zeigte mit dem Schwanz nach oben.
Und der echte Mond steht über uns. Ruhiges Wasser kann wie ein Spiegel sein. Es wirft ein Bild zu unseren Augen zurück.
Endlich hob Fawzi den Kopf. Der helle Mond hing über dem Brunnendach. Er blickte in den Eimer und verstand.
Es hat also kein riesiger Käse auf mich gewartet?
Nein. Dafür hast du einen großen Gedanken gefunden: Etwas zu sehen bedeutet noch nicht, es zu verstehen.

Die mutige Frage
In diesem Moment kam Bauer Omar mit einem Gemüsekorb zurück. Er sah den Eimer und bemerkte dann, wie Fawzi zum Küchenfenster hinüberschaute.
Guten Abend. Sucht ihr etwas?
Fawzi wollte beinahe behaupten, er sei nur gekommen, um den Mond zu bewundern. Dann dachte er daran, wie leicht ihn das glänzende Bild getäuscht hatte. Er wollte sich nicht gleich noch eine Täuschung aus Worten bauen.
Ehrlich gesagt habe ich Hunger. Ich dachte an den Käse, ohne zu fragen. Danach hielt ich das Spiegelbild des Mondes für einen riesigen Laib. Ich habe nichts genommen, aber mein Plan war nicht gut.
Bauer Omar lächelte.
Danke, dass du ehrlich bist. Brot und Käse reichen für einen Gast. Zuerst müssen aber diese Körbe in den Schuppen.
Fawzi trat vor.
Ich helfe gern. Danach esse ich nur, wenn die Einladung noch gilt.
Fawzi trug einen leichten Korb, Noura drückte die Schuppentür auf, und Bauer Omar räumte das Gemüse ein. Bald saßen alle drei im Hof. Fawzi bekam warmes Brot und ein echtes Stück Käse. Für Noura stand eine kleine Schale bereit.
Fawzi prüfte den Käse, sah zum Mond und lachte.
Dieses Stück ist viel kleiner als der Käse im Brunnen. Aber es schmeckt besser, weil es echt ist und weil ich darum gebeten habe.
Noura ließ den Schwanz wippen.
Außerdem musstest du den Himmel nicht mit einem Eimer hochziehen.
Seit dieser Nacht nahm Fawzi bei etwas Erstaunlichem nicht mehr sofort die erste Erklärung. Er schaute aus einem anderen Winkel, stellte eine Frage und prüfte seine Idee auf sichere Weise. Und wenn er etwas brauchte, das jemand anderem gehörte, wählte er den kürzesten und mutigsten Weg: Ehrlichkeit und Erlaubnis.
Was lernen wir?
- Hunger und Begeisterung können zu vorschnellen Schlüssen führen.
- Ein Spiegelbild ist ein Bild auf einer glänzenden Fläche, nicht der echte Gegenstand.
- Eine Idee lässt sich ruhig und sicher überprüfen.
- Höflich zu fragen ist besser als Schleichen oder Raten.
- Die Wahrheit hilft uns, eine schlechte Entscheidung zu verbessern.
Gespräch nach dem Lesen
- Warum hielt Fawzi den Mond für einen Käse?
- Welche Hinweise bemerkte Noura?
- Wie zeigte der Eimertest, dass der Kreis nur ein Spiegelbild war?
- Was sagte Fawzi, als Bauer Omar nach dem Grund seines Besuchs fragte?
- Auf welchen anderen Flächen kann man ein Spiegelbild sehen?
- Was kannst du tun, bevor du die erste Erklärung glaubst, die dir einfällt?