Tiermärchen

Die Kaninchen mit den wachsamen Ohren

In diesem sanften Tiermärchen lernen zwei junge Kaninchen, dass Zuhören mehr als Hören ist: Es bedeutet, Warnungen zu verstehen, Fehler zuzugeben und sie wiedergutzumachen.

Rami und Rama helfen mit ihren nun langen aufmerksamen Ohren, den Erntekorb im Obstgarten zu ordnen

Ein altes Märchen aus dem Obstgarten erzählt, dass Kaninchen einst kleine, runde Ohren hatten. Es handelt von Rami und Rama, die lernten, dass Wörter zu hören und wirklich zuzuhören zwei verschiedene Dinge sein können.

Die jungen Kaninchen lebten mit Mutter Warda in einem gemütlichen Bau am Rand eines großen Obstgartens. Der cremefarbene Rami sprang gern über Steine. Die hellbraune Rama folgte jeder neuen Duftspur.

An einem arbeitsreichen Morgen sagte Warda:

Gärtnerin Salma arbeitet heute an den Bewässerungsrinnen. Ich hole Klee. Bleibt bis zu meiner Rückkehr im Hof, dann besuchen wir gemeinsam den Obstgarten.

Rami fragte:

Auch wenn wir Karotten riechen?

Warda lächelte.

Selbst bei der leckersten Karotte der Welt. Zuhören bedeutet nicht nur, meine Worte zu hören. Ihr müsst sie verstehen und danach handeln.

Die beiden versprachen zu bleiben und winkten ihrer Mutter am kleinen Tor nach.

Ein Duft hinter dem Tor

Schon bald trug der Wind den Duft frischer Karotten heran. Ramas Nase zuckte.

Wir schauen nur vom Wegrand und kommen sofort zurück.

Rami zögerte.

Mama sagte, dass heute an den Wasserrinnen gearbeitet wird.

Ich habe sie gehört. Wir gehen nicht ans Wasser. Von einem Blick fällt nichts um.

Sie schlüpften durch das Tor und folgten den Gemüsebeeten. Auf einem niedrigen Holzkarren stand ein großer Weidenkorb voller Karotten, Bohnen und Äpfel.

Ich möchte nur wissen, ob eine Karotte größer ist als mein Kopf, sagte Rami.

Er stützte die Pfoten am Karren ab. Rama hüpfte neben ihn. Der Karren neigte sich, und der Korb glitt sanft ins Gras. Karotten rollten unter Büsche, Äpfel verteilten sich am Weg und Bohnenbündel landeten neben einer flachen Bewässerungsrinne.

Die Kaninchen erstarrten.

Rami und Rama mit kurzen Ohren betrachten erschrocken den vom Karren gerutschten Erntekorb und das sicher im Gras verteilte Gemüse

Lass uns weglaufen, bevor uns jemand sieht, flüsterte Rama.

Rami wollte schon zustimmen. Da hörte er, wie sich das leise Plätschern veränderte. Bohnenblätter blockierten eine kleine Öffnung, die Wasser zu den jungen Pflanzen leitete.

Wenn wir uns verstecken, weiß Salma nicht, warum kein Wasser mehr fließt. Wir haben das verursacht und müssen es ihr sagen.

Erst die Wahrheit

Salma kam mit einer Gießkanne den Weg entlang. Sie sah den Korb und die Kaninchen, stellte die Kanne ab und fragte ruhig:

Habt ihr euch verletzt?

Beide schüttelten den Kopf.

Uns geht es gut, sagte Rama. Aber wir haben unser Versprechen gebrochen. Wir wollten in den Korb sehen, und dabei ist er heruntergefallen.

Rami zeigte zur Rinne.

Außerdem klingt das Wasser anders.

Salma stellte fest, dass die kleinsten Setzlinge kein Wasser mehr bekamen.

Danke für eure Ehrlichkeit. Einen Fehler muss man beheben, nicht verstecken. Bleibt auf dem trockenen Gras und helft mit Augen und Ohren. Um die Rinne kümmere ich mich.

Rama lächelte zaghaft.

Unsere Ohren sind aber ziemlich klein.

Lange Ohren allein machen noch keinen guten Zuhörer. Man muss ruhig werden, den Klang erkennen und sicher handeln.

Mit ihren Gartenhandschuhen entfernte Salma die Blätter. Das Wasser floss wieder zu den Setzlingen. Die Kaninchen setzten sich weit genug von der Rinne entfernt hin und schlossen die Augen.

Sie hörten einen Apfel unter einem großen Blatt rollen und eine Karotte gegen einen Stein stoßen. Dann vernahmen sie Mutter Wardas Ruf vom Tor.

Ohren, die den Klängen folgten

Warda kam besorgt angelaufen. Als sie ihre Kinder sicher neben Salma sah, atmete sie auf. Rami und Rama erzählten die ganze Wahrheit.

Es war gefährlich, allein hinauszugehen, sagte Warda. Ich bin aber froh, dass ihr nicht vor eurem Fehler davongelaufen seid. Jetzt bleiben wir zusammen und bringen die Ernte in Ordnung.

Salma sammelte alles nahe der Rinne ein, Warda bündelte die Bohnen, und die jungen Kaninchen suchten nur auf dem trockenen Weg.

Wenn sie still wurden und lauschten, drehten sich ihre Ohren zu einem neuen Geräusch. Ramis Ohren wuchsen ein wenig, als ein Apfel hinter eine Kiste rollte. Ramas Ohren wurden länger, als Karottengrün unter einer Kürbispflanze raschelte.

Niemand zog an ihren Ohren, und nichts tat weh. In diesem sanften Märchen wuchsen die Ohren jedes Mal, wenn aus einem Geräusch Verständnis und aus Verständnis verantwortungsvolles Handeln wurde.

Bei Sonnenuntergang fehlte noch eine Karotte. Alle standen still. Rami drehte sein rechtes Ohr zum Zaun. Rama richtete ihr linkes Ohr auf das Minzbeet.

Gemeinsam hörten sie Karottenblätter im Wind an einen kleinen Korb streifen. Dort lag die letzte Karotte, weit weg vom Wasser.

Rami und Rama lauschen mit ihren nun langen Ohren nach der letzten Karotte, während Warda und Salma die Ernte zurück in den Korb legen

Salma fragte:

Was ist der Unterschied zwischen Hören und Zuhören?

Beim Hören erreicht ein Geräusch meine Ohren, antwortete Rami.

Beim Zuhören halte ich inne, verstehe und entscheide dann, was zu tun ist, ergänzte Rama.

Eine Erinnerung aus dem Obstgarten

Auf dem Heimweg sahen die Kaninchen ihre Schatten. Über jedem kleinen Kopf ragten nun zwei lange Ohren auf.

Warda lächelte.

Mit diesen Ohren werdet ihr viele Geräusche bemerken. Aber selbst die besten Ohren helfen nicht, wenn man guten Rat absichtlich überhört.

Das Märchen erzählt, dass von da an die Kaninchen dieser Familie mit langen Ohren geboren wurden. Die Erwachsenen erzählten die Geschichte vom Erntekorb nicht, um Angst zu machen, sondern weil es mutiger ist, einen Fehler zuzugeben und wiedergutzumachen, als davonzulaufen.

Rama sagte bei Karottenduft nicht mehr: „Wir schauen nur kurz.“ Sie fragte, ob der Weg sicher sei und ein Erwachsener mitkommen könne. Rami erklärte gern:

Meine Ohren sind lang, doch meine Entscheidungen machen mich zu einem guten Zuhörer.

Was lernen wir?

  • Zuhören heißt, einen Rat zu verstehen und danach zu handeln.
  • Ehrlichkeit hilft, einen Fehler zu beheben, bevor er größer wird.
  • Schäden werden sicher und mit Hilfe einer vertrauten erwachsenen Person behoben.
  • Neugier ist wertvoll, braucht aber Erlaubnis und klare Grenzen.
  • Diese Geschichte ist erfunden. Echte Kaninchen werden mit langen Ohren geboren, die Geräusche gut auffangen. Blutgefäße in den Ohren helfen außerdem, einen Teil der Körperwärme abzugeben.

Gespräch nach dem Lesen

  1. Welche Bitte äußerte Warda, bevor sie ging?
  2. Wie fiel der Erntekorb herunter?
  3. Warum liefen Rami und Rama nicht davon?
  4. Wie half genaues Zuhören bei der Suche nach der Ernte?
  5. Wie erklärst du den Unterschied zwischen Hören und Zuhören?
  6. Was kannst du tun, wenn du versehentlich etwas beschädigst oder verschüttest?
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