Nasreddin besaß sechs Krüge mit Frühlingshonig. Imkerin Amina hatte ihn zwischen Zitronenbäumen und wildem Thymian geerntet. In jedem Krug leuchtete er wie flüssiges Sonnenlicht.
Bevor Nasreddin für zehn Tage zum Stoffhandel verreiste, brachte er die Krüge in den kühlen Lagerraum seines Nachbarn, des Händlers Nabil.
Bitte bewahre sie bis zu meiner Rückkehr auf. Du bist mein Freund, und ich vertraue dir.
Gemeinsam stellten sie alle sechs Krüge auf ein Holzregal. Sie versiegelten jeden Deckel mit einem Punkt aus blauem Wachs und notierten Anzahl und Gewicht im Lagerbuch.
Du wirst alles genauso vorfinden, versprach Nabil.
Sechs leere Krüge
Nach seiner Rückkehr sah Nasreddin die Krüge an ihrem Platz. Doch durch die kleinen Glasfenster schimmerte kein Gold mehr.
Der erste Krug war leicht, der zweite ebenso. Im Inneren hing nur noch ein schwacher Honigduft.
Nabil, wo ist der Honig?
Der Händler wischte sich über die Stirn.
Etwas Unglaubliches ist geschehen. Mäuse kamen in der Nacht und haben alles ausgetrunken.
Nasreddin betrachtete die sauberen Krüge und das makellose Regal.
Alle sechs Krüge?
Es müssen sehr durstige Mäuse gewesen sein.
Haben sie auch die Deckel geöffnet und wieder aufgesetzt?
Unsere Mäuse sind ungewöhnlich geschickt.
Und jede klebrige Spur weggewischt?
Nabil zögerte.
Offenbar sind sie auch sehr ordentlich.
Nasreddin schrie nicht und nahm nichts aus Nabils Lager. Er kündigte nur an, am nächsten Morgen mit einer Honigexpertin zurückzukehren.

Was die Spuren erzählten
Imkerin Amina untersuchte am nächsten Tag zuerst das Regal.
Hier ist kein Tropfen Honig. Schon eine kleine Menge hätte eine klebrige Stelle hinterlassen.
Auf den Deckeln fand sie keine Nagespuren. Die alten blauen Siegel waren jedoch gerade durchschnitten und mit dunklerem Wachs überdeckt worden.
Nasreddin hob die Augenbrauen.
Dann benutzen diese Mäuse Messer, putzen Regale und können Siegelwachs schmelzen.
Nabil brachte nur ein kurzes, unsicheres Lachen hervor.
Amina stellte einen leeren Krug auf eine kleine Waage und verglich das Gewicht mit dem Eintrag im Lagerbuch.
Es sind die ursprünglichen Krüge. Jemand hat ihren Inhalt sorgfältig entfernt. Die Spuren verraten noch keinen Namen, aber sie passen nicht zur Geschichte von den Mäusen.
Adler und ein schwerer Wagen
An diesem Tag wollte Nabil Stoffe und Gewürze zum Markt bringen. Sein beladener Wagen wartete mit dem ruhigen Pferd im Hof. Hoch am Himmel kreisten zwei Adler.
Du solltest den Wagen lieber hereinbringen, sagte Nasreddin. Die Adler könnten Pferd, Waren und Wagen davontragen.
Nabil starrte ihn an.
Ein Adler kann keinen beladenen Wagen tragen. Das ist unmöglich!
Wieso? In einem Dorf, in dem Mäuse sechs versiegelte Krüge öffnen, den ganzen Honig trinken, das Regal waschen und die Deckel zurücklegen, können Adler bestimmt auch Wagen tragen.
Nabil blickte vom schweren Wagen zu den leichten Krügen. Nun verstand er den Widerspruch. Eine absurde Erklärung lehnte er ab, wenn es um seinen Besitz ging, benutzte aber selbst eine, um Verantwortung zu vermeiden.
Nasreddin rief keine Zuschauer zusammen. Er wartete einfach auf eine ehrliche Antwort.
Die Mäuse waren es nicht, gestand Nabil. Ich brauchte schnell Geld. Ich verkaufte einen Krug und wollte ihn rechtzeitig ersetzen. Dann verkaufte ich den nächsten. Mit jedem Tag wurde das Geständnis schwerer, bis alle sechs weg waren.
Um Hilfe zu bitten wäre kein Fehler gewesen, sagte Amina. Fremdes Eigentum zu nehmen und eine Ausrede zu erfinden, hat den Schaden verursacht.
Ein Plan für neues Vertrauen
Nasreddin verlangte den Honig oder seinen Wert zurück. Außerdem wollte er wissen, wie Nabil eine Wiederholung verhindern würde.
Nabil zahlte den Wert von zwei Krügen noch am selben Tag zurück. Vier passende Krüge kaufte er bei Amina in zwei festgelegten Raten. Er entschuldigte sich und richtete einen getrennten, verschlossenen Schrank für anvertraute Waren ein. Künftig sollte jeder Gegenstand gemeinsam mit dem Eigentümer eingetragen werden. Bei Geldnot würde er offen nach einem Darlehen fragen.
Sie hielten die Termine im Lagerbuch fest. Zwei Wochen später stellte Nabil den letzten vollen Krug auf das Regal. Alle sechs Krüge waren zurück und trugen gleichmäßige blaue Siegel.

Danke, dass du meinen Wagen nicht versteckt hast, um eine Täuschung mit einer anderen zu beantworten, sagte Nabil.
Nasreddin lachte.
Ich fand etwas Einfacheres. Der Wagen blieb stehen, und eine vernünftige Frage trug die schlechte Ausrede davon.
Von da an verspotteten die Dorfbewohner niemanden vorschnell, wenn eine Erklärung nicht zu den Tatsachen passte. Sie fragten ruhig, ob wieder Mäuse Honig getrunken hätten oder ob eine Wahrheit auf ein wenig Mut wartete.
Was lernen wir?
- Anvertrautes Eigentum darf niemals ohne Erlaubnis benutzt werden.
- Eine oft wiederholte Ausrede wird nicht wahr; man vergleicht sie ruhig mit den Spuren.
- Eine kluge Frage kann einen Widerspruch zeigen, ohne Rache oder Demütigung.
- Ein Geständnis beginnt die Wiedergutmachung; Rückgabe und verändertes Verhalten vollenden sie.
- Offen um Hilfe zu bitten ist besser, als das Eigentum anderer zu benutzen.
Gespräch nach dem Lesen
- Wie dokumentierten Nasreddin und Nabil die Krüge vor der Reise?
- Welche Spuren widersprachen der Mäusegeschichte?
- Warum sprach Nasreddin von Adlern und dem Wagen?
- Wodurch ging Nabils Plan über eine einfache Entschuldigung hinaus?
- Was hätte Nabil tun können, als er Geld brauchte?
- Formuliere eine ruhige Frage, mit der man eine unlogische Erklärung prüfen kann.