An jedem Markttag trug Nasreddin Schilfbündel zu seiner Werkstatt und fertige Körbe zurück ins Dorf. Eines Abends rieb er sich die Schultern und sagte:
Ich brauche einen kräftigen Gefährten. Jede Woche neue Schultern zu kaufen wäre bestimmt zu teuer.
Auf dem Tiermarkt entdeckte er einen kleinen grauen Esel mit ruhigen Augen. Über dem linken Vorderbein leuchtete ein weißer Fleck wie eine Mondsichel. Auf seinem Rücken lag eine safranfarbene gewebte Decke.
Nasreddin beobachtete den Gang des Esels, prüfte vorsichtig seine Hufe und bot ihm Wasser an. Der Esel trank gelassen und drehte beide langen Ohren zu Nasreddins Stimme.
Ich nenne dich Olive. Du wirkst so friedlich wie ein Olivenbaum an einem windstillen Morgen.
Nura, die Marktaufseherin, trug den Verkauf in ihr Register ein. Auf dem Beleg vermerkte sie den sichelförmigen Fleck, die safranfarbene Decke und das blaugrüne Halfter. Dann setzte sie das Marktsiegel darunter.
Bewahre den Beleg gut auf und sieh unterwegs regelmäßig nach deinem Begleiter. Eine Leine zu halten bedeutet noch nicht, auf das Tier hinter dir zu achten.
Nasreddin steckte den Beleg in eine Innentasche, nahm den Griff der Führleine und machte sich gut gelaunt auf den Heimweg.
Eine Leine ohne Esel
Auf der Straße drängten sich Obstkarren und Korbhändler. Nasreddin ging voran und rechnete aus, wie viele schwere Wege Olive ihm künftig ersparen würde.
Ein unehrlicher Mann namens Mazen bemerkte, dass Nasreddin sich kein einziges Mal umdrehte. Er flüsterte seinem Begleiter zu:
Führe den Esel durch die Seitengasse zurück zum Markt. Ich gehe mit dem losen Ende hinter Nasreddin her.
Mazen öffnete leise den sicheren Karabiner. Sein Begleiter lockte Olive mit einer Karotte fort. Niemand schlug oder erschreckte das Tier. Olive folgte einfach dem Futter, weil Nasreddin aufgehört hatte, mit ihm zu sprechen.
Mazen hielt den leeren Karabiner fest und ging einige Schritte hinter Nasreddin. Aus der Entfernung schien die schwingende Leine noch immer bei einem Reisenden zu enden.
Am Dorfbrunnen drehte Nasreddin sich endlich um. Er sah keine graue Schnauze, keine langen Ohren und keinen weißen Halbmond. Stattdessen hielt ein Mann den leeren Karabiner und machte ein kummervolles Gesicht.
Wo ist Olive? fragte Nasreddin. Und warum hältst du die Leine meines Esels?
Mazen seufzte tief.
Ich bin der Esel, den du gekauft hast.
Nasreddin blinzelte.
Du bist Olive? Deine Ohren sind aber erstaunlich kurz geworden.
Nun erfand Mazen eine unglaubliche Geschichte. Früher, behauptete er, habe er seiner Mutter ständig Versprechen gegeben und keines gehalten. Sie habe sich gewünscht, dass er Geduld lerne, und daraufhin sei er in einen Esel verwandelt worden. Nasreddins freundliche Stimme habe ihn endlich wieder zum Menschen gemacht.

Einen Augenblick lang hatte Nasreddin Mitleid. Er gab Mazen die Leine.
Geh nach Hause, entschuldige dich bei deiner Mutter und halte diesmal deine Versprechen.
Mazen bedankte sich und eilte davon, bevor Nasreddin eine weitere Frage einfiel.
Fragen mit Verspätung
Nasreddin kam ohne Helfer nach Hause. Beim Leeren seiner Tasche entfaltete er den Beleg und las Nuras genaue Beschreibung: grauer Esel, weißer Halbmond über dem linken Vorderbein, safranfarbene Decke, blaugrünes Halfter.
Wenn Olive zum Menschen wurde, wohin verschwand dann der Fleck? überlegte er. Wurde die Decke auch verwandelt? Und warum beschreibt dieser Beleg einen ganz gewöhnlichen Esel?
Mazens Erzählung war voller Gefühl, aber ohne einen einzigen Beweis. Nasreddin erkannte, dass er eine erstaunliche Behauptung geglaubt hatte, ohne vorher eine einfache Frage zu stellen.
Er lief nicht allein los, um Mazen zu verfolgen. Stattdessen steckte er den Beleg wieder ein und beschloss, am Morgen mit Nura zu sprechen. Sie besaß das offizielle Register und konnte Streit klären, ohne dass jemand eine gefährliche Auseinandersetzung begann.
Am nächsten Tag kam Nasreddin früh zum Markt. Noch bevor er Nuras Platz erreichte, hörte er ein vertrautes Iah. Am Ende einer Reihe stand Olive, mit derselben Decke und demselben weißen Halbmond.
Nasreddin beugte sich zu ihm.
Hast du dein Versprechen an deine Mutter schon wieder gebrochen? So schnell bist du erneut ein Esel geworden?
Olive stellte die Ohren auf und antwortete laut.
Nasreddin wollte kopfschüttelnd weitergehen. Plötzlich blieb er stehen.
Moment! Du bist nie ein Mensch geworden. Ich wäre beinahe zweimal unaufmerksam gewesen.
Er packte den Verkäufer nicht und begann keinen Streit. Er rief Nura, zeigte ihr den Beleg und deutete auf den sichelförmigen Fleck. Nura verglich außerdem Halfter und Decke mit ihrem Register.
Das ist Olive, stellte sie fest. Er wurde gestern an Nasreddin verkauft. Niemand darf ihn ein zweites Mal verkaufen.
Ein Beweis ist kürzer als eine Lügengeschichte
Nura fragte den Händler, wer ihm den Esel gebracht hatte. Er zeigte auf Mazen und dessen Begleiter am Markttor. Die Marktwache bat beide ruhig in Nuras Büro.
Vor dem Beleg, dem unverwechselbaren Fleck und dem Register konnte Mazen seine Zaubergeschichte nicht wiederholen. Er gestand den Trick, gab dem Händler das Geld zurück und entschuldigte sich bei Nasreddin.
Der Marktrat verpflichtete die beiden zu mehreren beaufsichtigten Arbeitstagen im Tierunterstand. Dort mussten sie ausmisten, Heu tragen und Wasser auffüllen. So sollten sie verstehen, dass ein Tier ein lebendiges Wesen ist, für das Menschen Verantwortung tragen, und kein Gegenstand für einen schlauen Betrug.
Nura gab Nasreddin die Leine zurück. Sie prüfte, dass der Karabiner bequem an Olives Halfter saß und niemals eng um seinen Hals führte.

Eine ungewöhnliche Geschichte kann unser Herz berühren, sagte Nura. Freundlichkeit und sorgfältiges Prüfen passen trotzdem zusammen.
Nasreddin strich Olive sanft über die Schulter.
Von jetzt an spreche ich unterwegs mit dir, sehe oft zurück und bewahre meinen Beleg auf. Und wenn jemand behauptet, früher mein Esel gewesen zu sein, frage ich zuerst nach dem weißen Halbmond.
Gemächlich gingen sie nach Hause. Alle paar Schritte rief Nasreddin Olives Namen, und Olive antwortete mit einem kurzen Iah. Zu Hause schrieb Nasreddin drei Erinnerungen auf eine Karte: beobachten, prüfen, Hilfe holen.
Olive bekam frisches Wasser, Heu und ein kleines Stück Karotte. Von Nasreddin erzählt man, dass er seit diesem Tag nie wieder lange ging, ohne hinter sich zu schauen, selbst wenn ihm nur ein Sack Zwiebeln folgte.
Was lernen wir daraus?
- Eine außergewöhnliche Behauptung braucht Beweise, auch wenn sie überzeugend erzählt wird.
- Ein Beleg und besondere Merkmale können Eigentum nachweisen.
- Zu guter Tierpflege gehören Beobachtung, Ansprache und bequeme Ausrüstung.
- Bei einem möglichen Betrug holen wir Hilfe bei einer verantwortlichen Person, statt jemanden allein zur Rede zu stellen.
- Einen Fehler zuzugeben und den Schaden zu beheben ist besser als eine weitere Lüge.
Gespräch nach dem Lesen
- An welchem Merkmal erkannte Nasreddin Olive wieder?
- Warum war Mazens Geschichte schon vor dem Wiedersehen zweifelhaft?
- Welche Fragen hätte Nasreddin am Brunnen stellen können?
- Warum bat er Nura um Hilfe, statt die Männer allein zu stellen?
- Wie half der Beleg bei der Klärung?
- Können wir Mitgefühl zeigen und trotzdem nach Beweisen fragen?
- Welche Erinnerung ist für dich am wichtigsten: beobachten, prüfen oder Hilfe holen?